Warum das System Epstein uns alle überlebt

Kolumne # Epstein – meine Meinung dazu …..

Warum das System Epstein uns alle überlebt
Man macht es sich zu einfach, wenn man die Geschichte von Jeffrey Epstein als das Protokoll eines einzelnen kranken Geistes abstempelt. Wer das tut, ignoriert das eigentliche Problem: Epstein war kein Fehler im System, er war dessen logische Konsequenz. Er war der Spiegel, in den wir nicht schauen wollen, weil er zeigt, wie Macht, Gier und soziale Hierarchien ineinanderfließen, bis die Grenze zwischen Recht und Unrecht völlig verschwimmt.

Das öffentliche Interesse an diesem Fall rührt nicht nur aus moralischer Empörung über die Taten an sich. Es ist dieses dumpfe, kollektive Gefühl, dass hinter der sauberen Fassade unserer Zivilisation ein unsichtbares Geflecht existiert. Ein Netzwerk, das nicht durch James-Bond-artige Verschwörungen zusammengehalten wird, sondern durch die banalsten menschlichen Schwächen: den Drang, dazuzugehören, und die Gier, im Glanz derer zu sonnen, die ganz oben stehen.

Die Falle der Verlockung
Macht braucht oft gar keinen Peitschenhieb, um Menschen gefügig zu machen. Die Verlockung ist viel gefährlicher. Sie schmeichelt dem Ego, sie verspricht Exklusivität und den Zugang zu Räumen, die dem „normalen“ Sterblichen verschlossen bleiben. Wer einmal drin ist, verändert sein Selbstbild. Man fühlt sich nicht mehr als Täter oder Mitläufer, sondern als Auserwählter. In diesem Zustand moralischer Blindheit wird das Ungeheuerliche plötzlich zur Nebensache, solange der Sekt fließt und der Einfluss wächst.

Die  Erpressung…
Doch Verlockung allein reicht nicht aus, um ein solches System über Jahrzehnte wetterfest zu machen. Hier kommt die Erpressung ins Spiel – der eigentliche, dreckige Klebstoff dieser Zirkel. In Epsteins Welt war kompromittierendes Wissen die härteste Währung. Es ging nicht nur darum, jemanden zu vernichten, sondern ihn unlösbar an das Kollektiv zu binden.

Wer mitmacht, liefert sich aus. Diese gegenseitige Verwundbarkeit schafft eine perversere Form der Loyalität als jeder Vertrag. Man schweigt nicht aus Anstand, sondern aus nackter Existenzangst. Wer einmal die Grenze überschritten hat, ist Teil einer Schicksalsgemeinschaft, in der die Angst vor dem sozialen Tod schwerer wiegt als jedes Gewissen.

Warum Skandale nichts ändern
Wir geben uns der Illusion hin, dass strengere Gesetze oder ein paar Rücktritte das Problem lösen könnten. Aber diese Netzwerke regenerieren sich. Warum? Weil die Nachfrage nach Status, Nähe zur Macht und exklusiven Rückzugsorten eine menschliche Konstante ist. Wenn ein Knotenpunkt wie Epstein entfernt wird, entsteht ein Vakuum, das die nächste Struktur füllen wird.

Wir reden hier von einer strukturellen Krankheit. Eliten neigen dazu, sich abzuschotten, Kritik als Neid abzutun und Loyalität über Ethik zu stellen. In solchen Räumen wird Fehlverhalten nicht nur möglich, es wird fast schon zum Aufnahmeritual.

Am Ende ist der Fall Epstein weniger eine Anklage gegen eine Person, sondern eine brutale Erinnerung: Unsere Zivilisation ist ein ständiger Seiltanz zwischen mühsam erlernter Selbstkontrolle und den dunklen Trieben der Evolution. Wir haben zwar die Technik des 21. Jahrhunderts, aber psychologisch hocken wir oft noch in den alten Mustern von Dominanz und Unterwerfung. Fortschritt verändert vielleicht die Kulissen, aber das Stück, das gespielt wird, bleibt seit Jahrtausenden das gleiche.

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert