Das 500-Pfund-networking: Warum mein Netzwerk wegen emotionaler Insolvenz geschlossen ist!
Erinnern Sie sich noch an Instagram im Jahr 2015? Damals, als die Plattform weniger Hedgefonds und mehr Kräutertee war. Ein digitaler Bio-Supermarkt, in dem man sich gegenseitig mit Likes bestäubte wie mit Puderzucker und ernsthaft glaubte, „Community“ sei mehr als ein hübsches Synonym für kostenlose Vorleistung.
In dieser sanften, fast schon esoterischen Umlaufbahn begegnete mir ein Fotograf aus London. Ein Mann wie ein schlecht finanzierter Kunstfilm: visuell ambitioniert, dramaturgisch dünn und mit der latenten Hoffnung, irgendwann von irgendwem verstanden zu werden. Seine Reichweite damals – sagen wir: überschaubar, aber mit großen Träumen im Handgepäck.
Der Einstieg folgte dem bewährten Ritual digitaler Annäherung:
„Tolle Bilder, machst du die selbst?“
Eine Frage, die ungefähr so viel Substanz hat wie ein Diät-Keks, aber zuverlässig Beziehungen einleitet.
Man schrieb sich, man likte sich, man existierte parallel. Eine fragile Dreiklassengesellschaft der Wahrnehmung etablierte sich wie von selbst: In meinen Augen war ich ambitionierte Hobbyfotografin, nach außen hin Fotografin – und für jene Spezies Mensch, die das Internet für eine Gratis-Ausgabestelle hält, automatisch eine vollwertige Dienstleisterin mit unbegrenzter Kapazität und null Rechnungsstellung.
Die Jahre vergingen, und wie das in digitalen Märchen so ist, verwandelte sich das kleine Londoner Vögelchen in einen Pfau. Nicht unbedingt talentierter, aber deutlich lauter. Und vor allem: hungriger.
Denn plötzlich entdeckte der Pfau, dass in meinem eigentlichen Berufsleben – Design – gelegentlich Menschen vor meiner Kamera standen, deren Namen man kennt. Und wie durch ein Wunder entwickelte sich aus sporadischem Interesse ein fast schon rührender Enthusiasmus:
„Kannst du da was arrangieren? Weißt du, Sharing, Networking, Synergien…“
Diese Worte, die immer gleich klingen und am Ende doch nur eines bedeuten: Du gibst, ich nehme – und wir nennen es Beziehungspflege.
Also gab man. Kontakte, Zeit, Ideen, Energie – alles fein säuberlich verpackt und kostenlos geliefert, wie es sich für eine gut erzogene digitale Generation gehört. Man nannte es damals „Community“. Heute würde man es vermutlich als Frühform emotionaler Insolvenz verbuchen.
Mit wachsendem Erfolg wuchs auch sein Selbstbild. Die Komplimente wurden opulenter, fast barock:
„Dieses Gesicht… du musst unbedingt vor meine Linse!“
Ein Satz, der weniger Einladung als vielmehr Wertsteigerungsstrategie ist.
Und dann kam letzte Woche.
Eine Nachricht, geschniegelt wie ein Pitchdeck:
„Bin am 6. in Frankfurt. Short Shootings. 20 Minuten pro Person. Wenn du willst, komm vorbei – ich finde sicher Zeit für dich.“
Ich – offenbar kurzzeitig von nostalgischer Naivität heimgesucht – antwortete:
„Ich setz mich einfach dazu, schau dir ein bisschen zu, wir trinken einen Kaffee.“
Die Antwort kam trocken, präzise und ohne jede soziale Restwärme:
„Für Kaffee habe ich keine Zeit. Aber wenn du ein Shooting buchst, können wir währenddessen reden.“
Ein faszinierendes Geschäftsmodell. Zwischenmenschliche Interaktion – jetzt im Minutenpaket buchbar. Smalltalk als Premium-Feature. Nähe als Add-on.
Ich lehnte höflich ab und erlaubte mir den Hinweis, dass ich weder fotografische Unterversorgung leide noch ein existenzielles Bedürfnis verspüre, mein Gesicht in fremden Festplattenarchiven zu verewigen.
Daraufhin – und hier erreicht die Geschichte ihren fast schon mathematisch perfekten Höhepunkt – kam das Angebot:
„Weil du es bist: 500 Pfund. Freundschaftspreis. Vorauszahlung.“
Fünfhundert Pfund für zwanzig Minuten.
Das ist kein Honorar, das ist ein Denkmal. Leider keines für Kunst, sondern für Selbstüberschätzung.
Ich habe kurz überlegt, ob in diesem Preis vielleicht ein kleines Stück Realität enthalten ist – aber nein, es handelt sich offenbar ausschließlich um Luft, Londoner Miete und ein Ego mit internationaler Ausrichtung.
Und genau hier liegt der eigentliche Charme dieser Episode:
Man inszeniert sich mit großen Namen, um das daraus extrahierte Prestige anschließend in homöopathischen Dosen an das eigene Netzwerk zurückzuverkaufen. Besonders gern an jene, die den Grundstein gelegt haben. Man nennt es „Freundschaftspreis“, meint aber: Du warst damals nützlich – jetzt wirst du monetarisiert.*
Mein Netzwerk ist geschlossen.
Nicht aus Arroganz – aus Erfahrung.
Denn das, was heute als „Networking“ verkauft wird, ist selten ein Austausch. Es ist ein Kreislaufsystem, in dem Kontakte wie Tiefkühlware behandelt werden: einmal eingefroren, bei Bedarf aufgetaut und zu Premiumpreisen zurückgereicht.
Und wenn ich jemals das Bedürfnis verspüre, 500 Pfund zu investieren, um zwanzig Minuten mit jemandem zu sprechen, der sich selbst für die Wiedergeburt von Helmut Newton hält, dann buche ich mir keinen Fotografen.
Dann gehe ich zu einem exzellenten Therapeuten.
Der arbeitet immerhin mit echtem Fokus, stellt die richtigen Fragen –
und verlangt sein Geld erst „nach“der Sitzung.