Warum auf einmal wieder alle Isabel Marant wollen
Es gibt im Modezirkus eine goldene Regel, die von der Hochglanzpresse konsequent totgeschwiegen wird: Nichts stirbt jemals wirklich. Es wartet nur im Sumpf der Belanglosigkeit, bis die nächste Generation alt genug ist, um es für eine Entdeckung zu halten.
Wer heute über die Straße geht oder sich durch die tieferen Schichten von Vinted und TikTok gräbt, stößt plötzlich wieder auf ein Phantom, das eigentlich für immer in der Klischee-Hölle der 2010er-Jahre vergraben schien: Isabel Marant.
Und zwar nicht sanft, sondern mit voller Wucht. Die berüchtigten Bekett Wedge Sneaker – diese klobigen Turnschuhe mit dem versteckten Fersenkeil und den fetten Klettverschlüssen – werden wieder auf Vinted gejagt, als gäbe es kein Morgen. Dasselbe gilt für ihre schweren Strickpullover, die fransigen Boots und die zerknitterten Bikerjacken.
Aber wie zur Hölle konnte das passieren? Wer ist diese Frau, warum war sie plötzlich weg – und wieso lechzt die Straße jetzt wieder nach ihrem Material? Ein Seziermesser-Blick auf ein Phänomen.
Wer ist Isabel Marant überhaupt?
Um das Trauma und die Faszination zu verstehen, muss man zurück zu den Wurzeln. Isabel Marant ist keine gelackte Absolventin einer feinen Modeakademie, die im Marketing-Büro erfunden wurde. Sie war das selbsterklärte Tomboy-Mädchen aus Paris, das es hasste, „mädchenhaft“ gekleidet zu werden. Sie wollte Kleidung, in der man aufs Motorrad steigen, eine Zigarette rauchen und abends ohne Umziehen in den Club gehen konnte.
1994 gründete sie ihr Label und definierte im Alleingang das, was die Welt später als „Effortless French Coolness“ verkaufte:
Eine Mischung aus rauem Rocker-Chic, böhmischer Gelassenheit, oversize Schnitten und einer messerscharfen Attitüde. Kein steifer Luxus wie Chanel, sondern Kleidung, die aussah, als hätte man sie nach einer langen Nacht einfach vom Boden aufgesammelt – und sah trotzdem für 1.000 Euro gut darin aus.
Der Bekett-Hype & Der Absturz in die Vulgarität
2011 schlug die Bombe ein: Marant brachte den Bekett Wedge Sneaker heraus.
Ein Schuh, der im Grunde ein visueller Unfall war, aber ein anatomisches Geniewerk: Er sah aus wie ein klobiger High-Top-Skateschuh, schummelte das Bein aber durch einen versteckten 5-cm-Absatz endlos lang.
Beyoncé trug sie im Love On Top-Video, Rihanna im Alltag, die Kardashians auf jedem Paparazzi-Foto. Was folgte, war die totale Übersättigung. Jedes Fast-Fashion-Laden von Zara bis Deichmann baute das Teil billig nach. Die Straßen waren geflutet mit Klettverschluss-Sneakern.
Marant wurde Opfer ihres eigenen Erfolgs: Das Design war so präsent, dass es kippte. Es wurde das Symbol für die peinlichste Ära der 2010er (man denke an hautenge Ripped Skinny Jeans, Chevron-Muster und verwaschene Flanellhemden). Marant selbst nannte den Schuh Jahre später in einem Interview verzweifelt „super vulgar“. Das Label geriet in Vergessenheit, wurde für die echten Trendsetter unschick und verstaubte als Erinnerung an eine Ära, die man schnellstmöglich vergessen wollte.
Die Auferstehung: Warum trendet sie jetzt wieder?
Dass Isabel Marant jetzt wieder die Bildflächen dominiert, hat drei knallharte Gründe, die nichts mit den langweiligen Modeseiten zu tun haben, sondern mit der Dynamik auf der Straße:
1. Die Rache an der „Braven Basic-Kultur“
Nach Jahren von glattgebügeltem Quiet Luxury, beigen Trainingsanzügen und formlosen Oversize-Uniformen haben die Leute auf der Straße eine kollektive Overdose. Die Sehnsucht nach Attitüde ist zurück. Die Marke Marant verkörpert eine Rotzigkeit, die nicht künstlich wirkt. Man zieht ihre alten Stücke an und hat sofort Kante – ohne dass es nach Kostüm aussieht.
2. Das Styling-Update der Gen Z (Weg von Skinny Jeans)
Auf TikTok und Instagram passiert gerade das, was Modedesigner hassen: Die neue Generation reißt die Archiv-Teile aus ihrem ursprünglichen Kontext raus.
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Damals (2012): Bekett-Sneaker + Ripped Skinny Jeans + Parka = Tumblr-Einheitsbrei.
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Heute: Bekett-Sneaker + extrem kurze Thrift-Gürtelröcke oder ultra-weite Vintage-Workwear-Hosen + abgewetzter Lederjacke.
Durch diesen Stilbruch verliert der Schuh seine alte Spießigkeit und wirkt plötzlich wieder wie ein aggressives, skulpturales Statement.
3. Material-Recherche statt Fast-Fashion-Schrott

Wer heute bei Vinted oder Vestiaire nach alten Isabel Marant Teilen sucht, sucht nach Substanz. Die alten Strickteile aus den 2000ern, die schweren Lederjacken und die Veloursleder-Boots wurden für die Ewigkeit gebaut. Während die aktuellen Kollektionen vieler Luxushäuser aus Plastikmischungen bestehen, bietet das Vintage-Material von Marant genau das, was die Straße verlangt: Echte Haptik, Schwere und eine Patina, die Würde hat.
Isabel Marant ist kein Wunder – sie ist der Beweis dafür, dass die Straße sich ihr Material selbst zurückholt, wenn die Zeit reif ist.
Die Modepresse hat das Verschwinden der Designerin nicht verstanden und kapiert auch ihr Comeback nicht. Sie berichten über Cover-Gesichter, während auf der Straße längst die alten Archiv-Schätze aufgetragen werden. Marant funktioniert 2026/2027 wieder, weil sie unperfekt ist, weil ihre Kleidung Platz fürs echte Leben lässt und weil ein Paar abgetakelte Bekett-Sneaker aus dem Second-Hand-Laden mehr Charakter hat als die gesamte Bandbreite der aktuellen Designer-Laufstiege.